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13.09.2022

Stadler/Königsberger-Ludwig: Mangel an Kassenärzten in der Region St. Pölten spitzt sich zu

„In den nächsten zehn Jahren werden an die 60 Prozent aller AllgemeinmedizinerInnen das Pensionsalter erreicht haben. Auch im Bereich der FachärztInnen werden die Versorgungslücken für die Bevölkerung immer deutlicher“, skizzierte SPÖ-Bezirksvorsitzender Bgm. Matthias Stadler bei einem gemeinsamen Pressegespräch mit Gesundheitslandesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig eingangs die aktuelle Versorgungslage im niedergelassenen Bereich in der Region St. Pölten.

 

Im Augenblick haben in der Landeshauptstadt St. Pölten und im Bezirk St. Pölten-Land etwa 190.000 Menschen ihren Wohnsitz. Sowohl die Besetzung der Kassenstellen als auch die immer längeren Wartezeiten lassen längst die Alarmglocken schrillen. Besonders dramatisch war zuletzt die Situation in der Fachrichtung Kinder- und Jugendmedizin. Mehr als 70-mal wurde die Kinderfacharztstelle in der Landeshauptstadt St. Pölten ausgeschrieben, ohne dass sich jemand dafür beworben hat. „Zwar konnte mit einer als Beispiel dienenden Lösung in Verbindung mit dem PVZ St. Pölten-Harland die Lage jüngst etwas entspannt werden, dennoch muss das Angebot grundsätzlich ausgebaut und langfristig sichergestellt werden. Gleiches gilt z. B. auch für die Augenheilkunde. Wartezeiten von bis zu vier Monaten für einen Augenarzt-Termin sind einfach inakzeptabel“, betont Stadler.

 

Die weitere Zuspitzung der Versorgungsituation sei im Anrollen, meinte der SPÖ-Politiker: „Vor allem die fehlenden Nachbesetzungen der Kassenstellen in den Umlandgemeinden der Landeshauptstadt üben verstärkten Druck auf die Ordinationen im Stadtgebiet, aber auch auf die Nachbargemeinden aus. Dies gipfelt aktuell im zunehmenden Aufnahmestopp neuer Patientinnen und Patienten bei den Kassenärzten in der Stadt.“ Zudem häuften sich die Beschwerden der Menschen aus der Region über den lückenhaften kassenärztlichen Wochenend- und Feiertagsdienst am Tag, vor allem an Sonn- und Feiertagen, erklärte Bgm. Stadler.

 

Die Stadt habe zuletzt deshalb auch eine Resolution an den Bund gerichtet, in der die verstärkte Ausbildung von MedizinerInnen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen gefordert worden seien. Als Antwort aus dem Gesundheitsministerium sei lediglich zurückgekommen, dass „von einem Ärztemangel oder von Versorgungsengpässen in Österreich keine Rede sein“ könne, zeigte sich Stadler über diese Aussagen verwundert.

 

Aus Sicht des Bezirksvorsitzenden sind die zuständigen Stellen momentan mehr denn je gefordert, um gemeinsam endlich eine Lösung zu finden: „In vielen Gemeinden ist die medizinische Versorgung in Gefahr. Ein ‚Wettrittern der Gemeinden‘ mit Zusatzleistungen für Ärzte halte ich aber nicht für zielführend. Vielmehr braucht es besser heute als morgen einen ganzheitlichen Lösungsansatz“, fordert Bezirkschef Stadler.

 

In dieselbe Kerbe schlägt Gesundheitslandesrätin Königsberger-Ludwig: „Der niedergelassene Gesundheitsbereich wird grundsätzlich zwischen Sozialversicherung und Ärztekammer geregelt. In quartalsweisen Stellenplangesprächen zwischen diesen beiden Institutionen wird die Besetzung der Kassenstellen festgelegt. Da es bei diesem Prozess nach dem Gesetz keine zugedachte Rolle für andere Systempartner gibt, liegt es primär an den Krankenversicherungsträgern, attraktive Angebote zu schaffen und gemeinsam mit der Ärztekammer möglichst viele ÄrztInnen in das kassenärztliche System zu bringen“, stellt Königsberger-Ludwig unmissverständlich klar.

 

Falls die vorhandenen Mechanismen jedoch nicht mehr greifen würden, müssten regulierende Maßnahmen seitens der verantwortlichen Politik gesetzt werden. Es gäbe zwischenzeitlich genügend Vorschläge, wie man dem Kassenärztemangel entgegenwirken könnte, merkte Königsberger-Ludwig an. „Auch wissen wir mittlerweile, dass die Maßnahmen gegen den Kassenärztemangel, welche die Mehrheitspartei in diesem Land in der jüngeren Vergangenheit gesetzt hat, nicht reichen“, verdeutlicht Königsberger-Ludwig.

 

Die Landeshauptfrau hat vor vier Jahren den NiederösterreicherInnen die Garantie dafür gegeben, dass auch in Zukunft alle Landarztpraxen besetzt sind, um die Menschen wohnortnah und kompetent zu versorgen. Die Realität ist leider eine andere. „Was wir deshalb dringend benötigen, sind gesundheitspolitische Weichenstellungen, die ein leistungsstarkes, flächendeckendes und öffentliches Gesundheitswesen für die Zukunft garantieren und auf die wachsende Bevölkerungszahl, die kommende Pensionierungswelle und den fehlenden Ausbildungsschub die richtige Antwort geben“, so die Landesrätin.

 

Die SPÖ NÖ arbeitet an Lösungen, die sie – so wie das KinderPROgramm und das PflegePROgramm – mit allen politischen Fraktionen diskutieren wird, um das bestmögliche Angebot für die Menschen in diesem Land herauszuholen. „Wir alle brauchen die Sicherheit, dass sowohl Vorsorge- und Routineuntersuchungen als auch die Akutversorgung gewährleistet sind! Dazu gehören etwa die Wiedereinführung des Gemeindearztes, die Verbesserung des Facharztangebots durch beispielsweise PVZ, Gruppenpraxen oder Anstellung von Ärztinnen und Ärzten in bestehenden Praxen und ein verändertes Aufnahmeverfahren an den Medizinunis. Aktuell werden vielfach jene ausgewählt, die sich nach dem Studium eher wissenschaftlich orientieren. Deshalb muss auf die soziale Kompetenz mehr Augenmerk im Verfahren gelegt werden“, so die beiden sozialdemokratischen Politiker.

 

„Die Lebensqualität in Niederösterreich steht im engen Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung. Vor diesem Hintergrund muss neben den für die Besetzung der Kassenstellen gesetzlich vorgesehenen Einrichtungen auch die verantwortliche Politik im Bund und Land endlich ins Tun kommen und die notwendigen Reformen entsprechend auf den Weg bringen. Denn in Wahrheit ist es längst fünf nach zwölf“, so Stadler und Königsberger-Ludwig abschließend.

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